Beziehungen sind sich stetig verändernde Strukturen und das schließt die Beziehung zu unseren Pferden nicht aus. Man entwickelt sich zusammen weiter, durchlebt Höhen und Tiefen und was manche Pferd-Mensch-Teams noch stärker zusammen schweißt, lässt andere wiederum aneinander scheitern. Ob die Beziehung zu unserem Pferd in die eine oder die andere Richtung tendiert, hängt viel davon ab wie sehr wir uns mit diesem „Wir-Gefühl“ auseinander setzen. Und davon welche Einflüsse wir zulassen…

Die Beziehung zu unseren Pferden ist nicht selten von äußeren Einflüssen geprägt. Wir streben nach von anderen gestalteten Idealen, lassen uns von dem beeinflussen was gerade „in“ ist und uns von den Erwartungen unseres Umfeldes dabei häufig genug unter Druck setzen. Doch die Pferd-Mensch-Beziehung wird nicht nur von außen beeinflusst. Natürlich spielen auch unsere eigenen Erwartungen, Wünsche und Träume eine große Rolle. Ob sie sich erfüllen oder wir enttäuscht werden, steht und fällt dabei allerdings mit uns und unserer Einstellung zum Thema „Wir“.

Im Zusammenleben mit meinen Pferden haben sich in den letzten Jahren für mich ein paar Grundsätze herauskristallisiert, die mir geholfen haben die Beziehung zu meinen Pferden stetig zu verbessern und mich dabei nicht von falschen Einflüssen lenken zu lassen. Über allem steht dabei eine große goldene Regel:

Die Beziehung zu meinen Pferden muss sich nach innen immer gut anfühlen anstatt nur nach außen gut auszusehen.

Es geht nicht darum die Erwartungen anderer zu erfüllen oder das zu tun was eben gerade bewundert wird – nur weil es plötzlich alle toll finden am Strand mit Halsring zu galoppieren (ich auch, keine Frage!), muss das nicht für jedes Pferd-Mensch-Team das ultimative Ziel sein. Natürlich ist das wunderbar anzusehen, aber jede Beziehung zwischen Pferd und Mensch ist anders und vor allem – und das ist in diesem Punkt viel entscheidender – nicht jedes Ziel entspricht jedem Pferd!

Bleiben wir mal bei unserem Beispiel vom Galopp am Strand mit Halsring und meiner ganz persönlichen Erfahrung mit diesem Thema. Natürlich ist es schön wenn sowas möglich ist – ich finde so etwas immer traumhaft anzusehen, wirklich! Und ja, ich hab davon geträumt. Bin ja eben auch nur ein Pferdemädchen 😉 Wir haben es tatsächlich auch probiert. Devon läuft am Halsring Zuhause wunderbar. Als würden wir den ganzen Tag nichts anderes tun. Gut vorbereitet haben wir es dann bei unserem ersten Strandurlaub 2016 in Renesse versucht und es hat letztendlich nicht funktioniert. Dabei entstand dieses Bild:

Foto: Thomas Hartig, http://www.tomspic.de

Mein Traum vom Galopp am Strand mit Halsring – aber Moment, hatte ich nicht gerade noch erzählt, dass es nicht funktioniert hat? Aber das Foto zeigt doch…

Ja, das Foto zeigt eine Momentaufnahme. Die ersten Galoppsprünge bis Devon bemerkte, dass er in ungewohnter Umgebung mit so wenig „Rahmen“ überfordert ist und nicht kopflos wurde, aber verunsichert im Stechtrab ein Ziel suchte. Wie gesagt, Zuhause klappte das alles wunderbar, auch freihändig mit Fahne und was wir sonst noch so alles ausprobiert hatten. Und würde ich das tatsächliche Ergebnis für mich behalten und nur das Foto in den Raum werfen, wäre die in den Köpfen entstehende Vorstellung eine ganz andere, oder? Es hätte nach außen hin gut ausgesehen, denn dann wäre ich dem allgemeinen Idealbild, dem Trend und den Erwartungen anderer gerecht geworden. Aber der Beziehung zu meinem Pferd nicht. In keinster Weise. Eine Beziehung bedeutet immer auch Verantwortung – Verantwortung für den Partner und für mich im einzelnen und für die Gemeinsamkeit an sich. Genau das spielt eben eine große Rolle, wenn es sich auch nach innen hin gut anfühlen soll und genau das unterscheidet eine gute Pferd-Mensch-Beziehung von einer schlechten.

Für Devon und mich bedeutet das, dass Reiten am Halsring in fremder Umgebung einfach nicht drin ist. Warum? Weil ER sich damit nicht wohl fühlt. Am Boden ist das eine völlig andere Nummer, da fühlt er sich wohler je freier er ist. Doch unterm Reiter ist Devon ein sehr unsicheres Pferd – er ist als Jungpferd sehr früh und sehr hart ausgebildet worden, hat gelernt dass „nicht verstehen“ oder „Fehler machen“ unangenehme Folgen hat. Hat er das Gefühl den Reiter nicht richtig zu verstehen oder gar Fehler zu machen, wird er daher gerne ängstlich, früher sogar panisch – aus Angst vor der gefürchteten Konsequenz, die er oft genug zu spüren bekam. Sicher fühlt er sich daher in einem klar vorgegebenen Rahmen – was nichts mit harter Hilfengebung oder ähnlichem zu tun hat. Das kann ein loser Zügel sein, ein passiv anliegender Schenkel… für ihn ist es einfach nur wichtig, dass da etwas ist das da ist, weil dieses „da sein“ gibt ihm Sicherheit. Je mehr ich ihm das weg nehme, desto eher hat er Angst mich nicht richtig zu verstehen oder gar etwas falsch zu machen. Zuhause haben wir das wunderbar im Griff. Ohne Sattel und mit Halsring ist hier absolut kein Problem. Aber das ist eben sein Zuhause, sein Reitplatz, auf dem die Linienführung oft vorgegeben ist, weil man kaum von den üblichen im Training genutzten Linien abweichen kann. Fremde Umgebung bleibt jedoch fremde Umgebung und wenn ich ihm da seine Sicherheit nehme, zieht er aus Unsicherheit für sich logische Konsequenzen und steuert die nächste Komfortzone an. Das kann zum Beispiel ein Mensch sein, den er kennt und der in der Nähe steht. Eben irgendwas was ihm die Sicherheit wieder gibt, die ihm gerade fehlt. Nur der Reiter ist es in diesem Fall eben nicht. Zu stark sind da die negativen Erinnerungen in seinem Kopf, obwohl sie bei weitem nicht mehr so präsent sind wie sie waren als wir uns kennenlernten. Bilder mit Halsring gibt es auswärts für uns daher nur noch im Stand oder eben im Schritt während ihn eine zweite Person von unten mit Halskordel und Strick dran sichert. Nicht um mich zu schützen sondern um ihm Sicherheit zu geben. Das hilft ihm. Für alles andere kommt eine Trense drauf. Da kann ich die Zügel auch gerne mal auf den Hals legen und die Arme ausbreiten – es reicht ihm zu wissen, dass sie da sind und ihm helfen, wenn er nicht weiter weiß, weil sie eindeutigere Signale senden als der Halsring.

Warum ich euch das alles erzähle? Weil es dieser entscheidende kleine Unterschied ist, der dazu führt dass es eben nicht nur nach außen gut aussieht sondern sich vor allem nach innen gut anfühlt! Statt meine Träume und Erwartungen (und die Erwartungen und Vorstellungen anderer) über seine Bedürfnisse zu stellen, strebe ich ein Bild an in dem sich beide gerne sehen: Mein Pferd und ich. Wenn es mir ein Bestreben ist, mich in der Schnittmenge beider Komfortzonen zu bewegen, dann bleibt auch Enttäuschung oder ähnliches aus. Denn genau dort entsteht das so wunderbare und kostbare „Wir“. Ansonsten bleibt es einfach nur ein „Du & ich“.

Natürlich ist das nicht immer leicht. Es ist oft nicht einfach sich vom Leistungs- und Erwartungsdruck einer Szene zu befreien. Als aus dem Westernpferd Devon irgendwann ein Pferd unter einem Dressursattel wurde (Dressurpferd wäre hier der falsche Begriff, wir mixen eher verschiedene Reitstile), hat so mancher laut aufgeschrien oder verwundert den Kopf geschüttelt. Die Reaktionen unseres Umfeldes lassen uns gerne an unseren Entscheidungen zweifeln, verunsichern uns. Denn wenn man sein Pferd liebt und nur das Beste für es will, dann zieht man natürlich immer alle Möglichkeiten in Betracht – auch die Möglichkeit dass andere recht haben und einen das eigen Bauchgefühl vielleicht im Stich gelassen hat. Kalt lässt all das nur Menschen, denen die Bedürfnisse ihres Pferdes egal sind. Je wichtiger uns unser Pferd ist, desto eher lässt man sich verunsichern – wieso macht Liebe eigentlich alles immer so kompliziert? 😉 Ich sehe das jedoch positiv, denn mit Scheuklappen durch die Gegend rennen schadet eher als das es nützt und für alles offen sein hilft uns den Blick für das „Wir“ nicht zu verlieren, denn neben Authentizität und Einfühlungsvermögen brauchen wir immer auch eine gewisse Bereitschaft an diesem „Wir-Gefühl“ zu arbeiten. Je gefestigter eine gute Beziehung ist, desto souveräner lässt sie uns am Ende werden. Eingespielte Teams entstehen nicht von heute auf morgen. Zeit ist ein ganz wesentlicher Faktor dabei.

WIRWas Ist Richtig (für uns)? Eine Frage die nicht immer ganz leicht zu beantworten ist, die aber einen wesentlichen Unterschied macht wenn es um die Qualität einer Beziehung geht. Nicht auf alles, was nach außen gut aussieht, trifft das zu. Andersrum sieht das, was sich nach innen gut anfühlt, in der Regel aber auch nach außen gut aus. Denn ein gutes Wir-Gefühl macht glücklich und Glück sieht nach außen immer gut aus 😉

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