Hast du dir einmal Gedanken darüber gemacht WIE du dein Training mit deinem Pferd betrachtest? Ja, du liest ganz richtig, ich frage bewusst nach dem WIE. Denn es geht nicht darum WAS wir sehen sondern WIE wir sehen. Also, WIE siehst du die Arbeit mit deinem Pferd? Nimm dir ein paar Minuten Zeit für diesen Gedanken bevor du weiter liest

Wenn wir über die gemeinsame Arbeit mit unseren Pferden nachdenken, dann ist es oft so, dass diese Gedanken von Erwartungen und Zielen bestimmt sind, aber auch von Wünschen für die Zukunft und gemachten Erfahrungen aus der Vergangenheit. Oft stellen wir fest, dass das Ziel noch in der Ferne liegt, dass dies und das eben nicht klappt und dass wir vielleicht auch nicht immer auf dem richtigen Weg sind. Vielleicht denken wir im Bezug auf unsere Vorstellungen auch manchmal: „Das kann ich vergessen, das wird nie was…“, „Dieses Pferd wird das nie lernen“ oder wir richten uns auf einen langen, steinigen Weg ein, vielleicht auch weil der letzte Versuch gescheitert ist. Ja, manchmal ist das durchaus frustrierend, denn natürlich haben wir Vorstellungen wie es einmal sein soll und dann schaut man nach vorne und stellt fest, dass das Ziel ganz schön weit weg ist. Vielleicht fehlt einem manchmal auch einfach der Glaube an den gemeinsamen Weg, der einen voran treibt. Vielleicht will man aber auch aus Ehrgeiz zu viel und wird zurück geworfen… neuen Anlauf nehmen zu müssen ist oft genug ein Motivationskiller.

Kennst du diese Gedanken? Ich kenne sie nur zu gut… so oft hab ich so gedacht und nicht selten kam ich an einen Punkt wo ich das Gefühl hatte, dass ich nie dort ankommen werde wo ich hin will. Weil das Pferd nicht mitspielte, weil es keinen eigenen Antrieb mitbrachte, weil ich dachte ich hätte schlichtweg aufs falsche Pferd gesetzt. „Es ist halt einfach nicht das richtige“ oder „Na gut, gehen wir eben in eine andere Richtung, vielleicht werden wir da glücklicher“. Zum x-ten Mal geübt, Lektion immer noch nicht begriffen, wieder nicht voran gekommen, das Ziel immer noch so weit weg. Vielleicht stimmt die Chemie zwischen Pferd und Reiter einfach doch nicht so gut wie gedacht? Frust ist bei Reitern gar nicht sooo selten, im Gegenteil. Oft zu unrecht, aber man ist da eben gern betriebsblind und manchmal fehlt einem einfach nur der richtige Hinweis von außen, doch der bleibt aus.

Meiner Erfahrung nach erkennen sich mindestens 50% der von mir befragten Reiter in diesen Gedankengängen wieder, zu Beginn meiner Kurse frage ich daher oft gezielt danach und manchmal sind es hier sogar 75% oder mehr.

Für mich gibt es all das nicht mehr. Weil ich meine Arbeit mit den Pferden heute einfach anders betrachte. Ich habe gelernt, dass es nicht darauf ankommt WAS ich sehe sondern WIE ich es sehe. Ich habe gelernt, dass das kleine und so unscheinbare Wörtchen „noch“ für Pferd und Mensch die Welt verändern kann – und zwar um 180°! Denn manchmal ist es einfach ein „noch“ zu viel… oder eins zu wenig…

Über die Jahre hab ich gelernt, dass es durchaus einen Unterschied macht ob ich denke „Dies und das klappt nicht“ oder ob ich diesen Gedanke um ein „noch“ ergänze und denke „Dies und das klappt NOCH nicht.“ Vielleicht ist die Zeit einfach NOCH nicht reif dafür, vielleicht bin ich auch NOCH nicht reif dafür oder das Pferd wurde von mir einfach NOCH nicht gut genug auf die gewünschte Aufgabe vorbereitet. Was NOCH nicht klappt, das kann aber ja bald durchaus noch werden. Ich bin NOCH nicht am Gipfel angekommen, aber ich habe Anlauf genommen und bin wild entschlossen anzukommen. Dieses kleine so unscheinbare Wort kann manchmal darüber entscheiden ob wir frustriert oder motiviert sind und ja, das merken auch unsere Pferde. Denn wenn ich meine Sichtweise ändere, gebe ich der Motivation mehr Raum und je besser uns das gelingt, desto besser ist unser Pferdetraining – denn mal ganz ehrlich, für unser Pferd spielt es doch keine Rolle ob die neue Lektion heute schon klappt oder erst in ein paar Wochen, wichtig für das Pferd ist nur der Weg dort hin und wie sich dieser anfühlt. Ob er Spaß macht oder nicht, ob es sich gut angeleitet und aufgehoben fühlt oder allein gelassen. Wer hat nicht schon mal erlebt, wie es sich anfühlt, wenn jemand einem mit so Sätzen wie „Das schaffst du eh nie!“ den Wind aus den Segeln nimmt? Viel lieber umgibt man sich doch mit Menschen, die an einen glauben und einem den Rücken stärken! Welcher dieser beiden Arten Menschen möchtest du für dein Pferd sein? Was denkst du wer ihm am ehesten hilft zu lernen und Fortschritte zu erzielen? Ich glaube die Antwort kennen wir alle, oder?!

Ich kann das ganze sogar noch steigern in dem ich mich nicht daran aufhänge was vielleicht NOCH nicht klappt sondern daran, was wir schon geschafft haben. Es ist oft viel motivierender zum Start zurück zu blicken und zu sehen was man alles schon geschafft hat als zum Gipfel meines Ziels zu schauen und festzustellen, was alles NOCH nicht geht. Das mache ich auch meinen Schülern im Unterricht immer wieder bewusst, denn manchmal, wenn man merkt dass der Frust an die Tür klopft, ist es unheimlich motivierend zurück zu blicken auf die Anfänge und zu erkennen was man schon alles geschafft hat und wie weit man schon gekommen ist – und so bleibt die Frustration direkt draußen vor der Türe. Wer will schon ungebetene Gäste, die die Motivationsparty stören 😉 Es gibt also auch Situationen, wo man das NOCH besser streicht als es zu ergänzen. Wir allein haben es in der Hand!

Ab und an hilft es also ungemein einfach mal ein „noch“ zu ergänzen oder die Blickrichtung zu ändern. Wie gesagt, es geht nicht immer darum WAS wir sehen sondern manchmal viel mehr WIE wir es sehen. So ein kleines „noch“ kann da schon sehr nützlich sein – und damit du das nicht vergisst, habe ich hier noch eine kleine Übung für dich 😉

Ich möchte dich in dieser Übung dazu einladen dir Stift und Papier zu nehmen und eine „was ich mit meinem Pferd bereits alles geschafft habe“ Liste zu schreiben. Mach es nicht gedanklich sondern bring es wirklich zu Papier! Es spielt keine Rolle wie lang die Liste ist. Oft braucht man auch eine Weile bis einem verschiedene
Punkte nach und nach einfallen, weil man sie sich einfach viel zu selten bewusst macht.

Die fertige Liste deponierst du am besten im Sattelschrank oder an einer ähnlichen Stelle. Leg auch einen Stift dazu! Wann immer du ein neues Erfolgserlebnis mit deinem Pferd hattest, trag es dort ein! …und wenn du einmal das Gefühl hast, dass mal wieder so gar nichts klappt, dann nimm deine Liste zur Hand und wirf einen Blick darauf – sie ist der beste Frustkiller, den du dir vorstellen kannst!

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