In meinen Jahren als Pferdebesitzer habe ich immer wieder mal Fohlen großgezogen oder Jungpferde gekauft und selbst ausgebildet. Mit Gandi habe ich mich vor zwei Jahren wieder dafür entschieden mein Nachwuchspferd von klein auf zu begleiten und selbst auszubilden.

Immer mehr Menschen treffen die gleiche Entscheidung wie ich und das sorgt in der Pferdewelt immer wieder für Diskussionsbedarf, denn während man sich früher meist ausgebildete gut gerittene Pferde kaufte, möchten immer mehr Pferdebesitzer ihr Pferd von klein auf begleiten. Nun, das eigene Pferd groß werden zu sehen ist durchaus eine absolut tolle Erfahrung!

Das beste Rezept: Zeit und Geduld

Ein Pferd braucht zum groß werden und reifen vor allem eins: Zeit! Die meisten Rassen heutzutage sind spätreif. Sie brauchen länger zum Wachsen, länger um geistig zu reifen. Das liegt vor allem daran, dass sich in der Pferdewelt viele Robustrassen nach vorne gekämpft haben und diese brauchen eben besonders viel Zeit um erwachsen zu werden. Die Freizeitreiter sind die am stärksten vertretene Gruppe – erschreckender Weise fehlt gerade hier oftmals das für das Aufziehen und Ausbilden eines Pferdes benötigte Wissen und Können. Im Grunde kein Problem, schließlich gibt es genug fähige und pferdegerechte Ausbilder, die einem mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Die Aufzucht des zukünftigen Freizeitpartners Pferd ist eine langwierige Geschichte. Nicht jeder hat die Geduld dazu seinem Pferd wirklich die Zeit zu geben zu wachsen und zu reifen. Es ist ja auch viel interessanter sich mit einem Pferd zu beschäftigen als es jahrelang auf der Wiese stehen zu sehen. Aber genau das sollte man sich fragen bevor man sich für die Aufzucht eines Pferdes entscheidet. Habe ich die Geduld zu warten bis mein Pferd alt und reif genug ist um mit ihm zu arbeiten? Kann ich mindestens drei, besser sogar vier oder fünf Jahre warten? Kann ich auf vielleicht noch nicht ausreichende geistige Reife Rücksicht nehmen, auch wenn mein Pferd körperlich ein Arbeiten vielleicht schon hergibt? Kann ich es sinnvoll beschäftigen, wenn es durch geistige Reife Arbeit einfordert, körperlich aber noch nicht fertig genug ist für Arbeit, die den Bewegungsapparat belastet?

Doch die Verantwortung liegt nicht allein beim Besitzer! Es ist auch am betreuenden Ausbilder zu früh aufkeimenden Eifer des Besitzers zu bremsen und die Beschäftigung und somit auch die Entwicklung des Pferdes in altersgerechte Bahnen zu lenken. Schließlich sollte das Wohl des Pferdes immer im Vordergrund stehen! Geistige Überforderung oder körperliche Folgen von zu früher Belastung sind unter Umständen nicht immer sofort sichtbar – aber die Konsequenzen tauchen immer irgendwann auf!

Früher sagte man unter alten Pferdeleuten: Für jedes Jahr, das ich am Anfang warte, habe ich am Ende fünf Jahre länger was von meinem Pferd. Dieser Spruch kommt nicht von ungefähr. Wer nicht die Geduld und Zeit hat sein Pferd ausreichend reifen zu lassen, sollte sich besser ein Pferd im arbeitsfähigen Alter kaufen!

Das zweite Lebensjahr

Je stabiler die Entwicklung eines Pferdes, desto einfacher die Ausbildung! Auch das beruht auf über Jahrhunderte gesammelten Erfahrungswerten!

Für mich gibt es bei Jungpferden im Alter von 1-2 Jahren einen ganz klaren Grundsatz: alles was den Kopf belastet ist gelegentlich in Ordnung und alles was den Körper belastet ist tabu. Einfache Geschichte. Wie weit da jeder geht und wie konsequent man das durchzieht, muss jeder selber wissen. Unsere Pferdewelt ist bunt und es gibt viele Jungpferd-gerechte Alternativen für eine interessante Beschäftigung mit dem Pferd. Tricklektionen (Achtung: KEINE Zirkuslektionen – diese belasten den im Wachstum befindlichen Bewegungsapparat und können zu Spätfolgen führen!!), Lernspiele, Spaziergänge… in kurzen Sequenzen gemeinsam die Welt zu entdecken ohne zu arbeiten kann absolut reizvoll sein! Ansonsten sind frische Luft, viel Platz und Artgenossen grundsätzlich definitiv wichtiger! Die Kompetenzen, die sich das Jungpferd in einer funktionierenden Herdenstruktur erwirbt, sind einfach unbezahlbar! Sie prägen nachhaltig das Sozial- und Lernverhalten, den Umgang mit dem Menschen und tatsächlich auch so Dinge wie Frustrationstoleranz, Konzentrationsfähigkeit usw. Die tägliche Beschäftigung durch den Menschen kann dies in keinster Weise ersetzen und ist gerade in den ersten zwei Jahren in meinen Augen auch völlig fehl am Platz. Was ein junges Pferd verstanden hat und brav ausführt, muss nicht tagtäglich abgerufen werden. Wer beginnt für einen Marathon zu trainieren, weiß auch wie man läuft und trainiert trotzdem nicht von Beginn an tagtäglich die volle Distanz.

Doch wie viel ist eigentlich viel? Es ist alles eine Frage des Blickwinkels… vergleiche ich ein Jungpferd mit einem ausgebildeten Reitpferd, dessen Muskulatur erhalten werden muss etc, so wäre beispielsweise 4-5 mal die Woche spazieren gehen vergleichsweise gefühlt nichts. Für ein Jungpferd in den ersten zwei Lebensjahren ist dies allein im Bezug auf die ganzen Eindrücke erforderliche kognitive Leistung schon fast Leistungssport. Dies ist auch der Punkt, der am häufigsten unterschätzt wird, denn viel zu oft wird der Fokus auf das gelegt, was körperlich anstrengend ist. Doch was ist mit der geistigen Leistung? Wo ist die Grenze?

Gandi ist mittlerweile 2 Jahre alt. Er lässt sich brav führen, ist aufgeschlossen gegenüber neuen Eindrücken, neugierig und menschenbezogen. Er lässt sich brav von der Herde wegführen, anbinden, putzen, benimmt sich beim Schmied und orientiert sich wunderbar an der Körpersprache des Menschen. Als Fohlen ließ er sich zunächst kaum anfassen, aber mit etwas Zeit und Geduld konnte ich ihn recht bald problemlos halftern und führen. Das Putzen hat er hinterher gelernt, genau so wie das Hufe geben. Danach kam erstmal lange lange nichts. Ich habe gelegentlich Zeit in der Herde verbracht, mal mittags mit den Jungs gelegen und geruht, mal kam ich für ein paar Streicheleinheiten und 1-2 mal im Monat gab es ein bisschen Grunderziehung oder mal einen kurzen Spaziergang, manchmal noch weniger. Wie bei allen meinen Jungpferden war es mir wichtig, dass er sich händeln lässt und ansonsten eben voll und ganz Pferd sein kann. Wie ich schon sagte, die Herdenstruktur und die darin erworbenen sozialen Kompetenzen sind für mich wesentlich wertvoller als ein Training durch den Menschen. So bin ich bisher mit allen meinen Fohlen und Jungpferden verfahren, sie sind alle tolle und souveräne Pferde geworden, aber eben auch Pferde, die in sich ruhen, die nicht explodieren wenn sie mal ein paar Tage keine Beschäftigung hatten… die meisten Workaholics unter den Pferden hat der Mensch zu solchen geformt – das ist meine Erfahrung.

An die Arbeit…?

Kommt ein Pferd dann in ein arbeitsfähiges Alter sollte man sich auch hier Zeit nehmen. Schonende kurze Arbeit mit viel Ruhe, die richtig gemacht wird, ist viel wichtiger als Häufigkeit und Dauer! Grundsätzlich bin ich ein großer Freund davon Pferde erst mit Vollendung des 4. Lebensjahres in die körperliche Arbeit zu nehmen. Dann sind die Pferde oft schon so in sich gefestigt, dass es in der Ausbildungsarbeit vieles erleichtert. Viele Pferdeleute haben immer wieder Angst wertvolle Zeit verloren zu haben, wenn die Pferde erst im Alter von 4 Jahren in die Arbeit gehen, doch meine Erfahrung lehrt mich bis jetzt ohne Ausnahme, dass es kein Verlust sondern ein Gewinn ist, weil die Pferde in diesem Alter besser lernen und die Wartezeit so recht rasch wieder ausgleichen.

Bei den meisten Pferden wäre ein späterer Start in die Ausbildungsarbeit also problemlos möglich – dennoch gehen die meisten bereits dreijährig in die Arbeit. Bei Junghengsten beginnt der Ernst des Lebens manchmal schon mit Beginn des dritten Lebensjahres, also im Alter von gerade mal 2 Jahren, denn dann geht es für einige bereits in die Vorbereitung auf die Körung. In der Vorbereitung auf die Körung zählt für mich vor allem das WIE. Aber dazu später einmal mehr in einem separaten Artikel.

Geht das Jungpferd also dann in die körperlich belastende Arbeit liegt die Verantwortung auch hier eben nicht nur beim Besitzer sondern auch beim Ausbilder. Nicht der Ausbilder ist der beste, der das Pferd am schnellsten fertig macht, sondern der, der dem Pferd die Zeit gibt sich in seinem individuellen Tempo zu entwickeln und zu reifen und ihm so im Idealfall hilft sich gemäß der individuellen Stärke und Schwächen im Rahmen der Ausbildung bestmöglichst zu entfalten.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr?

Ich weiß, dass es da sehr gespaltene Meinungen gibt und eine weite Kluft zwischen den „Ein Fohlen gehört in die Fohlenherde und sonst nichts“-Vertretern und den „Ein Fohlen sollte schon all das kennenlernen, was es auf sein Leben im Trainingsalltag vorbereitet“-Vertretern gibt. Verstehen kann ich durchaus beide Seiten. Wenn man tagtäglich mit Pferden aus beiden Lagern zu tun hat, macht man sich schon so seine Gedanken. Da gibt es Pferde, die fast wild aufwuchsen und später kaum zu händeln sind, Pferde, die viel zu früh zu viel leisten mussten und irgendwann einfach resigniert haben. Die, die mit viel Kontakt aufwuchsen, spät anfangen zu arbeiten und dann recht schnell überfordert sind mit der Menge an Reizen und die, die egal bei welcher Aufzucht und Arbeit einfach alles brav mitmachen oder grundsätzlich gegen alles sind. Das ist Pferdetrainer-Alltag und der Grund, warum man die Argumente aller Beteiligten aus jeder Sichtweise ein Stück weit nachvollziehen kann. Man kennt eben alle Seiten und nicht nur eine Sichtweise zur Genüge.

Aber gerade weil bei dem einen Pferd das funktioniert und bei dem anderen nicht, gibt es nichts im Training von Pferden, was man als Grundsatz in Stein meißeln kann. Absolut gar nichts. Es wird nie eine einzige Trainingsmethode geben, die auf alle Pferde 100%ig passt. Denn wir haben es mit Individuen zu tun, die auch als solche behandelt werden wollen.

Da es also kein Einheits-Pferd gibt, wird es auch nie eine Einheitsmeinung geben. Was eigentlich schön ist, denn das macht unsere Pferdewelt so bunt, wie sie nun mal ist. Der einzige weniger schöne Trend ist, dass es so wenig Toleranz gibt in all der Vielfalt. Denn wenn alle Beteiligten ein bisschen weniger darauf aus wären ihre eigene Meinung für allgemeingültig zu erklären und stattdessen vielleicht mal über den Tellerrand schauen würden, dann könnten so viele von uns so wunderbar von einander profitieren, dass es zu weniger Hickhack und zu mehr Austausch käme.

Zum Abschluss noch ein letzter Gedanke: schlechtsitzende Ausrüstung – sei sie auch nur anfangs übergangsweise genutzt, weil das junge Pferd sich noch entwickelt und stetig verändert – kann negative Erfahrungen prägen! Verbindet das junge Pferd die ersten Erfahrungen gleich mit Druckspitzen oder gar punktuellem Schmerz, wird es ein langer Weg diese Erfahrungen durch bessere zu ersetzen. Die Chance einen ersten – positiven – Eindruck zu hinterlassen hat man eben immer nur ein einziges Mal!

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